

In ländlichen Regionen Bangladeschs werden Mädchen oft zur Ehe gezwungen – eine Entscheidung, die tiefgreifende Auswirkungen auf ihre Selbstbestimmung, Gesundheit, Bildung und Zukunft hat. Noch immer wird jede zweite Frau im Land vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Besonders in den Bezirken Barisal und Tangail ist diese Praxis weit verbreitet. Inmitten dieser Realität zeigt sich, dass Wandel möglich ist. Gemeinsam mit The Hunger Project (THP) Bangladesch setzt Das Hunger Projekt seit Oktober 2022 ein breit angelegtes, community-basiertes Projekt gegen Kinderheirat um. Das Vorhaben wird unter anderem finanziert durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und zeigt bereits einen wachsenden Erfolg.
Zentrales Ziel des Projekts ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem Mädchen selbst über ihre Zukunft entscheiden können – frei von Zwang und mit einem klaren Bewusstsein für ihre Rechte. 2024 war dabei ein Jahr der Sichtbarkeit, des Wachstums und der Veränderung. In insgesamt 56 Schulen wurden sogenannte „School Youth Units“ aufgebaut, bestehend aus jeweils 25 engagierten Schüler*innen. Sie sind Ansprechpersonen, Multiplikator*innen und Fürsprecher*innen zugleich.
Durch Schulungen zu sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten (SRHR) erhielten allein 561 heranwachsende Mädchen fundiertes Wissen über Menstruationsgesundheit und -hygiene, reproduktive Gesundheit, Frühverheiratung und Selbstbestimmung. Viele von ihnen gaben ihr Wissen weiter – etwa durch selbst organisierte Schul-Workshops oder Gespräche in ihren Familien. Eine von ihnen ist Shirin aus Rahamatpur: „Ich habe das Gelernte an meine Klassenkameradinnen, meine Mutter und meine Schwester weitergegeben. Jetzt nutzen sie alle regelmäßig Hygieneartikel. Das macht mich stolz.“

»Ich habe das Gelernte an meine Klassenkameradinnen, meine Mutter und meine Schwester weitergegeben. Jetzt nutzen sie alle regelmäßig Hygieneartikel. Das macht mich stolz.«
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Parallel zur Arbeit mit Jugendlichen wurden auch über 250 sogenannte Women Leaders gestärkt. Diese Frauen führen Hoftreffen („Courtyard Meetings“) durch, in denen sie Mädchen, Mütter und Gemeindemitglieder über Kinderheirat, Bildungsrechte und SRHR informieren. Im Jahr 2024 erreichten sie über 27.000 Menschen – ein Großteil davon Frauen und Mädchen, die nicht zur Schule gehen.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist Julekha aus Kedarpur Union. Sie ist selbst von Kinderheirat betroffen, überwand jedoch alle Hürden, baute eine Existenz auf und engagiert sich heute leidenschaftlich gegen Frühverheiratung. In ihrer Gemeinde hat sie bereits mehrere Kinderehen verhindert und eine Selbsthilfegruppe gegründet, die wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen schafft.
Das Projekt stärkt nicht nur Wissen, sondern auch Handlungskompetenz. Mädchen wie Kumkum und Monika aus dem Bezirk Barisal setzten sich 2024 erfolgreich gegen geplante Kinderehen in ihren Familien zur Wehr. Sie wurden dabei von ihren Jugendgruppen unterstützt, die gezielt mit Eltern, Standesbeamt*innen und religiösen Führer*innen in den Dialog traten.
Im Laufe des Jahres konnten in 130 Dörfern Kinderehen verhindert werden. Besonders wirksam waren dabei auch sogenannte Risikokarten, die Jugendgruppen gemeinsam mit Schulgemeinschaften erstellten. Diese Karten markieren unsichere Bereiche auf dem Schulweg – etwa schlecht beleuchtete Pfade, menschenleere Feldwege oder Orte, an denen es wiederholt zu Belästigungen kam. Gerade Mädchen sind auf dem Weg zur Schule häufig sexueller Belästigung oder Einschüchterung ausgesetzt. Viele Familien sehen darin ein Risiko für die „Ehre“ der Familie – und entscheiden sich aus Angst oder Scham für eine frühe Heirat der Tochter. Indem gefährliche Stellen benannt und gemeinsam mit Behörden sicherer gestaltet werden, können diese Beweggründe entkräftet und Schulbesuche sicherer gemacht werden – ein wichtiger Beitrag zur Prävention von Kinderheirat.
Die Einbindung zivilgesellschaftlicher Strukturen war auch 2024 ein Erfolgsfaktor. In 14 Regionen wurden Village Development Teams (VDTs) aktiviert, die Fälle von Kinderheirat aufdecken, Mädchen unterstützen und Familien beraten. Insgesamt fanden 29 Advocacy-Treffen mit lokalen Entscheidungsträger*innen statt – ein starkes Zeichen für Dialog auf Augenhöhe.
Darüber hinaus engagieren sich zunehmend Frauen in lokalen Gremien. 37 Women Leaders wurden in offizielle Ausschüsse der Gemeindeverwaltung gewählt und setzen sich dort für die Rechte von Mädchen ein. Auch wenn politische Instabilität die Arbeit in einigen Regionen zeitweise erschwerte, ist der Wille zum Wandel deutlich spürbar.




Ein neues Handlungsfeld, das 2024 besondere Aufmerksamkeit erhielt, ist die Online-Sicherheit. Immer mehr Eltern sehen soziale Medien als Risiko, das Kinderheirat eher begünstigt als verhindert. Digitale Belästigung, Erpressung oder der gefühlte Verlust sozialer Kontrolle können dazu beitragen, dass Eltern sich unter Druck gesetzt fühlen. Wenn ein Mädchen öffentlich mit Jungen chattet, Fotos teilt oder private Nachrichten verschickt, wird das in vielen Familien als unangemessen empfunden. Häufig befürchten Eltern gesellschaftliche Ächtung oder den Verlust elterlicher Autorität – was sie in manchen Fällen dazu veranlasst, ihre Töchter früh zu verheiraten. Das Projekt reagierte darauf mit der Einführung von 56 neuen Cybersicherheitstrainings an Schulen. Diese vermitteln Jugendlichen Wissen über Datenschutz, Online-Gefahren und den Zusammenhang zwischen digitalen Konflikten und sozialem Druck. Ziel ist es, sowohl Mädchen als auch Jungen zu stärken – für einen sicheren und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien.
Ein weiteres Highlight des Jahres war die engere Einbindung der Schulverwaltungskomitees (School Management Committees). In regelmäßigen Treffen mit den Youth Units wurden Strategien entwickelt, um Schulumgebungen mädchenfreundlicher zu gestalten – darunter der Bau von separaten Toiletten, die Verfügbarkeit von Hygieneartikeln und sicherere Schulwege.
Auch die Arbeit mit religiösen Führer*innen und Standesbeamt*innen wurde intensiviert. Diese einflussreichen Personen können entscheidend dazu beitragen, Kinderheiraten zu verhindern – etwa durch Aufklärung in Predigten oder das Ablehnen nicht legaler Eheschließungen.
Die bisherigen Erfolge zeigen, wie viel durch gemeindebasierte Ansätze möglich ist. Mädchen und junge Frauen, die einst kaum Gehör fanden, sind heute aktive Gestalterinnen ihrer Zukunft. Jugendliche übernehmen Verantwortung, Familien treffen bewusstere Entscheidungen und Gemeinden setzen sich gemeinsam für die Rechte der Kinder ein.
Für 2025 planen wir, unsere Arbeit mit einem besonderen Fokus auf die Reaktivierung politisch bedingter, inaktiver Ausschüsse fortzuführen. Zudem wollen wir digitale Bildung weiter stärken und junge engagierte Menschen nachhaltig unterstützen, die sich aktiv gegen Kinderheirat einsetzen. Unser Ziel bleibt klar: Eine Zukunft ohne Kinderheirat – für alle Mädchen in Bangladesch.
Mehr über unsere Arbeit, aktuelle Projekte und Möglichkeiten zur Unterstützung finden Sie auf unserer Website.
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© 2025 Das Hunger Projekt e.V.